Arachne
Kategorie: Textile
Kategorie: Textile

Das Textile wird intuitiv meist als weibliche Sphäre imaginiert. Bereits in der griechischen Mythologie ist Athene die Göttin der Kunst, des Handwerks und der Handarbeit. Arachne, eine Weberin aus Hypaipa, wurde aufgrund ihres Könnens hochgelobt. In Ovids Erzählung wird sie von Athene zu einem Webe-Wettbewerb herausgefordert. Arachne gewinnt, Athene ist erzürnt, zerstört ihren Teppich und schlägt ihre Kontrahentin mit dem Webschiffchen. Aus Furcht erhängt sich Arachne und wird von Athene in eine Webspinne verwandelt. In der Arachnophobie begegnet uns bis heute die Weberin, die Namenspatin der Spinne wurde.
Nach der Industrialisierung des Weberhandwerks tauchten modernen Arachnen an ganz anderer Stelle wieder auf. Nordhessen war in den 1950er und 60er-Jahren ein wichtiger Standort der aufkommenden Computerindustrie. In Bad Hersfeld produzierte die von Konrad Zuse gegründete Zuse KG Rechenmaschinen. Die Belegschaft bestand oftmals aus Quereinsteigern. Informatik als Studienfach oder Ausbildung existierte schlicht noch nicht. „Schuster, Schneider und Frisöre, wer‘n beim Zuse Ingenieure“. Unter den Angestellten, die zu großen Teilen aus der ländlichen Umgebung Bad Hersfelds stammten, waren viele Frauen. Sie erledigten meist die kleinteiligen Arbeiten. Unter anderem stellten sie in Handarbeit Ferritkernspeicher her, indem sie kleine Eisenkerne mit Kupferdraht umstickten. Sie besaßen in der Regel keine formelle Ausbildung, allein ihr Geschick im Sticken, Stricken und sonstigen Handarbeiten qualifizierten sie zu dieser Tätigkeit. Anders als die Namen der leitenden Ingenieure, sind diejenigen der Arbeiterinnen heute unbekannt.
Die Z23 war eine der erfolgreichsten Rechenmaschinen der Zuse KG. Erstmals 1961 ausgeliefert, wurde sie zum weitverbreitetsten Transistorrechner in Deutschland. Einsatz fand die Z23 meist an Hochschulen und Behörden, sowie in Ingenieurbüros. Die Speicherkapazität betrug 8192 Worte (à 40 Bit) im Trommelspeicher (ROM), sowie 243 Worte im Ferritkernspeicher (Schnellspeicher/RAM). Auf dem Gewebe ist die Innenansicht der Z23 abgebildet, die Verbindungskabel, die aus den Ferritkernspeichern und Transistoren in das Rechenwerk führen. Ganz ähnlich wie auf der linken Seite eines Gestrickes, wird hier der Arbeitshythmus sichtbar, der die Herstellung des Stücks möglich machte. Ein Organismus der vom Menschen in die Maschine übergegangen ist. Die Anwesenheit der Arbeiterinnen in ihrem Netz ist noch zu erahnen.
Das Textil wurde in Zusammenarbeit mit der Weberei Egelkraut, Schwalmstadt hergestellt.
Die dazu gehörige Soundarbeit dokumentiert meine Recherchen zu den Frauen der Zuse KG und vermischt Interviewausschnitte und Maschienensounds der Z23.
Textil, 3 m x 1,60 m
Sound, 15 min
2025
Textiles are often imagined as a feminized domain. In Greek mythology, Athena presides over craft and weaving, while Arachne, a mortal weaver, challenges her authority. In Ovid’s telling, Arachne wins the contest; Athena, enraged, destroys her work and transforms her into a spider. The figure of the weaver persists in the etymology of arachnophobia, where her presence lingers as both origin and threat.
With the industrialization of textile production, this figure reappears in an altered form. In the 1950s and 60s, northern Hesse became a site of early computer manufacturing. At Zuse KG in Bad Hersfeld, founded by Konrad Zuse, computing machines were assembled by a workforce largely composed of untrained labor. Computer science had not yet been formalized; technical expertise was often improvised. “Cobblers, tailors, and hairdressers become engineers at Zuse.” Many of the workers were women from the surrounding rural areas. They performed highly detailed manual tasks, including the production of ferrite core memory: small iron rings threaded by hand with copper wire. Their qualification lay not in formal education, but in textile practices such as embroidery and knitting. Unlike the engineers, their names remain unrecorded.
The Z23, first delivered in 1961, was among the most widely used transistor computers in Germany, employed in universities, public institutions, and engineering offices. Its memory combined drum storage with ferrite core memory. The woven image presented here depicts the interior of the Z23: a dense network of connections linking core memory and transistors to the processing unit. Like the reverse side of a knitted fabric, it reveals the underlying structure and rhythm of its making. What becomes visible is a transfer of gesture, from hand to machine. The system retains traces of the labor that produced it; the presence of the workers persists within the network.
Textile, 3 m x 1,60 m
Sound, 15 min
2025